Gefühlsbetont leben – hochsensible Menschen in der Gesellschaft

Jeder Mensch ist anders, fühlt anders, geht unterschiedlich mit seiner Umwelt um, weil diese unterschiedlich wirkt, weil jeder Mensch anders empfindet.

Fragt man die Menschen, ob sie denn sensibel sind, wird prompt mit „Ja“ geantwortet. Dass die meisten damit jedoch lediglich ihre eigene Sensibilität meinen, wird gerne gerade von den Angesprochenen übersehen. Sie gehen erst einmal von sich aus und verharren auch in ihrem Ego. Nicht so empfindsame Menschen, die in der Regel die Gabe der Empathie besitzen, sich in andere hineinfühlen können, was eine Gabe und nicht erlernbar ist.

„Sei nicht so empfindlich“, ein Satz, den bestimmt einige von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser sich in Ihrer Kindheit und Jugend (bis heute…?) anhören „durften“.  Es geht hier um Empfindsamkeit, nicht um ein Verwöhntsein und sich Aufführen, wenn man seinen Willen nicht bekommt, auch etwas, was oft verwechselt wird, wenn es um die Frage der Sensibilität geht.

Gefühlsbetonte Menschen haben in unserer Gesellschaft einen sehr schweren Stand. Ganz besonders, wenn der Mensch männlichen Geschlechts ist, aber auch weibliche zartbesaitete Wesen haben so ihre liebe Not. Werden Frauen als „Heulsuse“ oder „jetzt ist sie wieder eingeschnappt“ abgewinkt, werden Männer oft als „schwul“, „Feigling“  oder „Memme“ betitelt. Weder das eine noch das andere ist schmeichelhaft. Es ist kränkend und was kränkt, macht krank.

Hochsensible Menschen „ticken“ einfach anders als der Großteil der Menschen. Sie reagieren für Außenstehende oft überzogen, zum Beispiel wenn sie sich Situationen gegenübergestellt sehen, die sie völlig überfordern und dann einfach weinend aus dem Zimmer stürzen oder eben einfach, ohne ein weiteres Wort zu sagen, gehen. Manche reagieren in ihrer Hilflosigkeit auch aggressiv.  Meist jedoch benötigen sie dann einfach nur die Ruhe, um sich wieder in die Mitte zu bringen, sich zu beruhigen, dies kann auch der Fall sein, wenn man etwas sehr schönes erlebt hat, es wird schlicht und ergreifend die Zeit der Aufarbeitung des-sich-Sortierens benötigt.

Wo andere, weniger sensible Menschen sich einfach „schütteln“, sich sagen: und weiter geht’s!, stürzen hochsensible Menschen in eine tiefe Krise, nicht selten sind sie suizidgefährdet. Manche benötigen nur wenige Stunden, um etwas zu verarbeiten, andere benötigen Tage, und sie brauchen diese Zeit, denn wenn sie sofort wieder funktionieren müssen, bestünde die Gefahr des totalen Zusammenbruchs.

Hochsensiblen Menschen haftet oft eine gewisse kindliche Naivität an, überhaupt sind sie oftmals in ihrem Verhalten wie Kinder, jedoch nicht infantil. Sie kommen zum Beispiel gegen die Müdigkeit, die sie überfällt, nicht an, brauchen dann sofort ihre Ruhe und fühlen sich von den Umstehenden missverstanden, oder ein Kleidungsstück, welches einem Nicht-HSP (Hochsensible Persönlichkeit) weich vorkommt, kratzt einen HSP ganz fürchterlich. „Stell dich nicht so an“, bekommen sie dann wieder gesagt, aber sie können einfach nicht anders, es ist ihr kindhafter, empfindsamer Körper.   Sie werden öfter Opfer von Gewalttaten und Mobbing (im Erwachsenenalter wie im Kindesalter), weil sie sehr harmoniebedürftig sind, gehen Streit lieber aus dem Weg, lehnen körperliche Gewalt ab, schlichten lieber. Dies trifft auch wieder die männlich sensiblen Menschen besonders, denen immer wieder die  „Männerwelt“ sagt, dass ein Mann hart sein muss. Muss er….?

Empfindsame Menschen sind in der Regel, wie bereits erwähnt, harmoniebedürftig und tun dann auch alles, um eine Harmonie zu erhalten. Oftmals so extrem, bis zum Verbiegen, bis sie sich selbst nicht mehr erkennen, nur um es Anderen recht zu machen. So wirken viele auf andere, als hätten sie keine eigene Meinung, was auch leider oft zutrifft, womit sie sich jedoch selbst keinen Gefallen tun, denn genau in diesem Moment machen sie sich selbst zum Spielball anderer und werden durch ihr Harmoniebedürfnis nicht selten von ihrer Umgebung nicht mehr ernst genommen. Das ist ein oft schleichender Prozess, werden sie dann aufgrund dessen, eben weil sie keine klare Meinung äußern, gemobbt und ausgegrenzt, dann verstehen sie die Welt nicht mehr und leiden, ohne dass andere es verstehen, weil sie sich meist dann nicht einmal mehr artikulieren können und sich „einfach“ zurückziehen. Die Gefahr in eine handfeste Depression zu fallen, lässt meist nicht lange auf sich warten.

Sehr sensible Menschen neigen dazu, sich zurückzuziehen. Nicht weil sie sich der Situationen entziehen möchten, sondern weil sie es in ihrer Feinfühligkeit nicht mehr aushalten, sich mit Menschen oder Situationen auseinander zu setzen die ihnen nicht gut tun. Auf diese Menschen und Situationen trifft man im Leben leider immer mal wieder, mal mehr, mal weniger. Und dies verleitet HSP oft, sich gänzlich zurückzuziehen, sie brechen auch Kontakte ab, kündigen ihre Arbeitsstelle. Hochsensible Menschen handeln aus ihrer Gefühlswelt heraus, was oftmals unüberlegt wirkt, ist für die Betroffenen das letzte Mittel des Selbstschutzes.

Auf der Suche nach dem richtigen Arbeitsplatz tun sie sich schwer, meist trifft man sie auf der selbstständigen Ebene (z.B. Künstler, Schreiber, Musiker) oder aber auch in der Armutsfalle wieder. Mag es für die meisten unverständlich sein, wenn nicht reagiert wird, wenn gesagt wird: „Jetzt streng dich endlich mal an“, und: „Stell dich nicht immer so an“, oder auch: „Du willst ja gar nicht, leg dir endlich mal ein dickeres Fell zu“, sind dies  auch keine hilfreichen Äußerungen und zeigen den Betroffenen nur einmal mehr, dass sie anders sind und auf sie keine Rücksicht genommen wird.  Selbst Menschen, die wissen, dass sie es mit einem hochsensiblen Menschen zu tun haben, nehmen wenn es drauf ankommt und zwar für den Anderen drauf ankommt seine Meinung durchzusetzen,  keine Rücksicht, auch dann nicht, wenn bekannt ist, wie der gefühlsbetonte Mensch darunter leidet und sogar körperlich reagiert.

Bei den meisten, sehr sensiblen Menschen äußern sich Kränkungen von außen körperlich. Erst sind da „nur“ die Symptome, aber permanent Stress und Druck ausgesetzt lassen die organischen Erkrankungen gerade bei diesen Menschen nicht lange auf sich warten. Hier beginnt der Teufelskreis. Wer nicht belastungsfähig ist in unserer starken nach Erfolg ausgerichteten Gesellschaft, sich aufgrund dessen nicht mehr durchsetzen kann oder auch nicht (mehr) will, der wird einfach aussortiert, sortiert sich nicht selten selbst aus. Wer krank ist, ist nicht belastungsfähig, wer krank ist, ist nicht 100% einsatzfähig, wer krank ist, behindert den Ablauf im Vorwärtskommen, kann aber auch für die Betroffenen das endgültige Aus bedeuten, wenn zum Beispiel in der Arbeitswelt einer nur darauf gewartet hat, dass dieser Mensch endlich zusammenbricht, um dessen Platz einnehmen zu können.

Hochsensible Menschen sind nicht nur durch ihre extreme, gefühlsbetonte Natur leichtere Beute, sondern sie kämpfen noch mit ganz anderen Eigenschaften, wie zum Beispiel eine Empfindlichkeit der Ohren – sie reagieren auf Lärm, können Lärm nicht ertragen, ein vorbeifahrendes Fahrzeug mit Martinshorn tut ihnen weh, und ein leises permanentes Rauschen eines Geräts kann zur Folter werden.  HSP reagieren aber auch empfindlicher auf Umweltgifte und Medikamente, viele HSP  benötigen geringere Dosierungen, oftmals schlicht und ergreifend einfach nur ein anderes Präparat, sie sprechen meist sehr gut auf die Naturmedizin an, intensiver als normale Menschen, sie reagieren visuell, sehen mehr, nehmen Details intensiver auf, hören und achten mehr -und dies geschieht unbewusst, sie sind so- auf Zwischentöne und dies in allen (Lebens-)Lagen. Manche sehen und hören nicht nur im übertragenen Sinne mehr, deswegen findet man sie oft auch in Esoterikkreisen.

Nicht jeder sensible Mensch ist auch gleich ein hochsensibler Mensch. Viele Menschen haben eine bestimmte Überempfindlichkeit, kommt jedoch eine Häufigkeit der Empfindlichkeiten zusammen, ganz besonders im Gefühlsbereich, kann man von Hochsensiblen Menschen sprechen.

HSP ist keine Krankheit. Es ist die Gabe der Empfindsamkeit, die vielen jedoch zum Fluch wird, besonders dann, wenn sie sich selbst einreden, nicht richtig zu ticken. Wenn dann ihre Umwelt ihnen das noch genauso vermittelt – wobei das eine das andere bedingt-, quälen sich die Missverstandenen mit erheblichen Minderwertigkeitsgefühlen und Versagensängsten  herum, was wiederum dazu führen kann, dass der gesamte Weltschmerz über sie zusammenbricht, noch dazu in Anbetracht der vielen  Ungerechtigkeiten dieser Welt, sie drohen an der Welt zu zerbrechen.

Ihre Stärken jedoch, nämlich genau das, was andere ihnen als Schwäche auslegen wollen, ist ihre Stärke. Durch die Empathie, die Gabe sich in andere Menschen hineinfühlen zu können und somit auch einen völlig anderen Blick auf die Dinge zu haben, Zusammenhänge leichter und schneller zu erfassen,  findet man sie auch häufig in Heilberufen oder in der Seelsorge. HSP sind wunderbare Vermittler, und die Menschen, die Rat benötigen, nehmen gerne ihre Hilfe in Anspruch. Ein weiterer wichtiger Pluspunkt: Hochsensible Menschen sind in bestimmten Situationen handlungsfähiger. Wo der „normal gestrickte“ Mensch in Panik gerät, wird ein HSP ruhig – hier wird ihnen jedoch oft zu unrecht Kälte unterstellt -  und kann so dafür sorgen, Menschen zu helfen, zu retten einen Weg aufzuzeigen. Das liegt daran, dass bei HSP der Normalzustand im Grunde genommen immer bedingt unter einer Anspannung durch die Hochsensibilität gelebt wird. Dass nach einer solchen hochkonzentrierten Arbeit, ein HSP dann wieder Ruhe zur Verarbeitung der Geschehnisse benötigt, mehr als ein Nicht-HSP, liegt hier auf der Hand.

Sollten Sie sich hier irgendwie erkannt haben und suchen Verständnis, dann empfehle ich Ihnen das Buch:  Zart besaitet von  Georg Parlow. Mit Sicherheit werden Sie sich in diesem Buch wiederfinden, Sie werden sich verstanden und aufgehoben fühlen, aber glauben Sie deswegen nicht, dass auch ihre Umgebung Sie deswegen besser verstehen oder gar Rücksicht nehmen wird. Der alltägliche Kampf sich immer wieder beweisen zu müssen in dieser Welt, in welcher so vieles auf uns einstürzt, bleibt bestehen, aber vielleicht hilft Ihnen das Buch zu einer Erkenntnis zu gelangen, wie sie selbst besser mit Ihrer Hochsensibilität umgehen können. Und vielleicht erkennen Sie ja gerade dann, dass Ihr Weg und Ziel eigentlich ein ganz anderes ist, als das, was sie bisher leben.

Wenn Sie jetzt schon neugierig geworden sind, dann schauen Sie doch einmal auf dieser Seite vorbei: http://www.zartbesaitet.net/

Sollten Sie sich erkannt haben, dann lassen Sie sich nicht länger einreden, Sie wären eine „Heulsuse“ oder „Memme“, und fühlen Sie sich nicht mehr wie von einem anderen Stern, denn so wie Sie sind, so sind sie richtig und sehr wertvoll, gerade in einer Welt, die immer gefühls-kälter wird und sehenden Auges in ihr eigenes Verderben rennt.

 Passen Sie auf sich auf, Ihre Petra Hanse

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Gesundheitsberaterin mit sozialem Engagement
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7 Responses to Gefühlsbetont leben – hochsensible Menschen in der Gesellschaft

  1. Matze says:

    Eine sehr schöne Seite!

    • admin says:

      Da in diesem Artikel das Wort “schwul” verwendet wird, möchte ich ausdrücklich darauf hinweisen, dies bitte nicht misszuverstehen, sondern im Zusammenhang zu sehen.

      Persönlich vertrete ich die Meinung, dass jeder Mensch das Grundrecht hat, glücklich zu werden und zu sein.
      Es ist die Liebe, zu einem Menschen, die zählt.

  2. Henriette says:

    Vielen Dank für diesen sehr treffenden Text!
    Deinen Tipp zur zartbesaiteten Website habe ich gesehen. Ich finde das Buch von Parlow inhaltlich sehr gut, den Sprachstil finde ich jedoch sehr gewöhnungsbedürftig. Aber der Inhalt zählt ja am Ende.
    Zur Frage der Krankheit: manchmal denke ich schon, dass Hochsensibilität nah an der Krankheit ist. Zumindest ist der Leidensdruck manchmal hoch. So dass ich lieber erkältet als hochsensibel wäre…
    Ein guter Test zur Hochsensibilität ist übrigens auch hier zu finden: http://www.hochsensibel-test.de
    Liebe Grüße Henriette

  3. DBT Freak says:

    Hallo,
    Ich bin Frau K. lebe in Wuppertal und möchte erwähnen das ich seitdem ich weiß das ich Hochsensibel bin in erster Linie die Positiven Eigenschaften davon wirklich nutze auch wenn Hochsensibel sein oft sehr anstrengend ist. Ich vergleiche mich gerne mit 2 Film Figuren so fühle ich mich heute und so fühlte ich mich auch als Kind. Die erste Figur war Matilda gespielt von Mara Wilson und die 2.war Amelie (fabelhafte Welt der Amelie) ich weiß heute das ich mich so akzeptiere wie ich bin HSP sein ist auch eine Stärke und bedeutet nicht nur Schwäche.
    .

  4. Julia says:

    Ein ganz toller Post – danke dafür!

    Außerdem habe ich gerade die fabelhafte Welt der Amélie gesehen (in Bezug auf den Kommentar vorher) – ganz toll und vor allem höchst interessant für alle Hochsensiblen dieser Welt :-)

    Falls mich jemand besuchen möchte:
    https://hochsensibel1753.wordpress.com/herzlich-willkommen/

    Liebe Grüße,
    Julia

  5. Tom 34 says:

    Dieser Artikel erklärt wunderbar meine Situation. Grade das Beispiel mit den Kratzenden Pollover finde ich sehr treffend, auch Rollkragen Pullies finde ich äußerst unagenehm (Würgereiz). Das Besipiel mit der Polizei Sirene ist auch wieder ein Treffer ins Schwarze und ich habe mich immer gefragt woher diese psychische Schmerzen kommen. Es kommt mir oftmals wie eine Krankheit vor, da man es als HSP Mann wirklich schwer hat. Es wird immer wieder erwartet das man rau ist und möglichst viel Alkohol verträgt. Ich vertrage aber leider nur geringste Mengen an Alkohol (bin Deutscher, kein Aisiate !) und mag die Wirkung überhaupt nicht. Sich dann noch anhören zu müssen das man mal ein Männergetränk trinken soll oder nicht immer so empfindlich reagieren soll oder das man ja wie eine Frau reagieren würde finde ich fast schon diskriminierend. Danke und ein Frohes Weihnachtsfest.

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